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Im Wittenberger Land

Pfarrkirchen im Wittenberger Land

Die Zeitstellung dieser Bauten östlich der Elbe im Landkreis Wittenberg ist besonders wichtig, da die Bausubstanz vieler Kirchen älter ist als die noch heute erhaltenen Urkunden, in denen die einzelnen Kirchen oder Orte erstmals erwähnt wurden, d.h. sie sind oftmals die ältesten Zeugnisse der Christianisierung dieser Region.

Auch wenn diese Ersterwähnungen in der Regel nicht den Gründungsprozeß einer Ansiedlung, eines Dorfes oder einer Stadt widerspiegeln, ist die Zeitstellung der Sakralgebäude bzw. der einzelnen Bauabschnitte für die Einordnung in die verschiedenen Phasen des Landausbaues von Bedeutung.

Die romanischen Dorfkirchen im Landkreis Wittenberg stammen aus der Zeit, als die Besiedlung nach Deutschem Recht durch die ansässige slawische Bevölkerung und zugereiste Neusiedler aus Sachsen im 12. – 13.Jahrhundert eingesetzt hatte bzw. nach anfänglich fehlgeschlagenen Missionsversuchen im 10. und 11.Jahrhundert sich durchsetzte.
So lassen sich beispielsweise noch zahlreiche erhaltene Kirchen in die Periode des sich konsolidierenden Landausbaus im späten 12. und 13. Jahrhundert zurechnen.

Unsere Kenntnis von den frühen Kirchenbauten in den Regionen östlich der Elbe ist fragmentär, da bislang nur in Einzelfällen nachgewiesen werden konnte, daß bestehende Kirchen Vorgängerbauten besaßen. So war es lediglich für den Ort Klöden möglich, in der bachsteinernen und in das Ende des 12.Jahrhunderts datierten Kirche, die 1208/1218 erstmals urkundlich erwähnt wurde und spätromanische Stilelemente aufweist, ältere Bauhölzer nachzuweisen. Für Prettin ist dies nicht möglich, obwohl in der Literatur von einer frühen Kirchgründung im 12.Jahrhundert geschrieben wird.

Es ist generell durchaus möglich, daß Kirchen zu Beginn der Christianisierung zunächst oder auch über einen längeren Zeitraum hinweg aus Holz (mittels Fachwerkkonstruktionen) errichtet waren.

Der heutige Baubestand im Landkreis Wittenberg, insbes. Östlich der Elbe spiegelt die Entwicklung von mehreren Jahrhunderten wider.

Bauten, die im Zuge der Missionisierung bereits vor dem späten 12.Jahrhundert entstanden waren, können aufgrund fehlender Befunde und präziser Aussagen in den Schriftquellen in der Regel jedoch nicht verzeichnet werden.

Es ist ferner mit untergegangenen Kapellen und Kirchen in Wüstungen zu rechnen.

Andererseits haben sich im Landkreis Wittenberg zahlreiche romanische Kirchen erhalten. Hinzu kommt, daß im Landkreis Wittenberg nur ein Teil der romanischen Kirchen im Verlaufe des 14. und d 15. Jahrhunderts in gotischen oder spätgotischen Stil umgebaut wurde und hier nur wenige Neubauten entstanden, d.h. in nachmittelalterlicher Zeit erfuhren unsere Dorfkirchen kaum bauliche Veränderungen.

Es gibt eine Vielzahl von Datierungsproblemen. Sie lassen sich am Beispiel der Kirchen in Berkau und Kerzendorf illustrieren.

Beide feldsteinernden Saalkirchen zeigen noch heute ihre rundbogigen Fenster und Portale. Während die Apsis am Chor der Kerzendorfer Kirche entfernt wurde, besitzt das Berkauer Oratorium noch seinen ursprünglichen eingezogenen Rechteckchor. Beide Bauten weisen regelmäßige Ortsteinschicnhten auf, doch das Berkauer Material wurde passgerechter ausgesucht und bearbeitet als das der Kerzendorfer Kirche.
Auch wurden die Gebäudeecken in Berkau mit Lang- und Kurzwerkquadern gesetzt, und die Ostfenster erhielten im Segmentbogenbereich eine Rollschicht.
Diese Charakteristika fehlen jedoch beim Kerzendorfer Bau.
Nun könnte einerseits geschlossen werden, daß die Berkauer Kirche aufgrund ihrer ‚entwickelteren’ Formen jünger als die Kerzendorfer sei, andererseits könnte es sich bei diesem Bau auch um ein Vorbild für die Kerzendorfer gehandelt haben, womit letzterer auch als eine wenig gekonnt ausgeführte ‚Kopie’ des ersten interpretiert werden könnte.

Zur Typenbildung im Landkreis Wittenberg vorhandener Kirchbauten

Die Datierung der Kirchenbauten und ihrer einzelnen Bauphasen geht Hand in Hand mit der Ausbildung von bestimmten Bautypen.

Der Saalbau ist generell als der vorherrschende Bautyp in den ländlichen Regionen des Landkreises anzusehen, wie auch generell in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Sachsen, aber auch die Basilika, die Pseudobasilika und der Hallenbau sind dort zu finden.

Die hiesigen Saalbauten unterscheiden sich trotz vorwiegend gleicher Grundtypenausbildung in Größe, Binnenstruktur, Aufriß sowie Fassaden- und Innenraumgestaltung und Baumaterialauswahl voneinander.

Darüber hinaus variieren Detailformen erheblich und zeichnen sich durch regionaltypische Charakteristika aus. Kennzeichnend ist vor allem die Größe der einzelnen Gebäude. Viele der Gebäude im Landkreis Wittenberg können im Vergleich zu Bauten auf Rügen als relativ klein bezeichnet werden, was besonders an der Gruppe relativ klein und kompakt wirkender Kirchen nördlich von Wittenberg deutlich wird. Zum anderen läßt die relative Größe auch Rückschlüsse auf die ursprüngliche Bedeutung der Orte im Mittelalter zu.
Im Landkreis Wittenberg finden wir auch schlichte Säle ohne ausgeschiedenen Chor.

Es wurde deutlich, dass die romanischen, spätromanisch – frühgotischen Kirchbauten nicht generell mit einem Westturm ausgestattet wurden. Bis auf wenige Ausnahmen wurden massive Türme erst im Zuge von gotischen und spätgotischen Bauprojekten errichtet. Ein Erklärungsansatz für dieses Phänomen bietet die These der Ausbildung von repräsentativen Landmarken in Konkurrenz zu umliegenden Dörfern sowie den Städten.

Als recht schlichte und einfache Form können frühe Glockengiebel bezeichnet werden. Nördlich von Wittenberg finden sich an einigen romanischen Kirchen noch solche frühen Glockengiebel bzw. dachreiterähnlichen Glockentürme, die einzig zum Einhängen einer Glocke dienten, mit der zu gottesdienstlichen oder profanen Versammlungen gerufen oder vor gefahren gewarnt werden konnte, wie die Beispiele in Berkau und Kerzendorf zeigen. Solche Konstruktionen wurden in der Neuzeit unter Verwendung von Fachwerk häufig zu kleinen Dachtürmen umgestaltet, wie bei der Kirche in Weddin.

Baumaterial und Bauformen

Während besonders die romanischen Kloster- und Stiftskirchen aus Naturstein in den letzten Jahren durch die sogenannte “Straße der Romanik” starke Beachtung fanden, blieben ältere und jüngere backsteinerne Gebäude aus dem Mittelalter in Sachsen-Anhalt und Sachsen – von einigen Ausnahmen mal abgesehen – fast unbekannt. Kenntnis von Bauten wie der Kunigundenkirche in Borna, der Kirche in Axien, der zerstörten Kirche zu Hain oder dem backsteinerndem Turm der Ägidenkirche zu Groitzsch blieben auf wenige Schriften begrenzt. Die Wahl des Baumaterials war einerseits von den Natursteinvorkommen der jeweiligen Region geprägt, wobei sich der Feldstein in allen Gebieten als Baumaterial bewährte. Der unbearbeitete oder nur auf der Sichtseite geglättete Feldstein- oder Granitsteinquader als auch der hiesige Bruchstein bewährten sich generell als Baumaterial; so fand im Landkreis Wittenberg zum Beispiel auch der lokale Raseneisenstein Verwendung. Anderswo z.B. im Bistum Meißen kam Sandstein, oder in Obersachsen und in der Lausitz auch Backstein zur Anwendung. Ein Bespiel aus Sachsen-Anhalt zeigt einen offensichtlich gezielt durchgeführten Materialwechsel. Der Ort Löben, der bereits im 10.Jahrhundert als Burgward in den Quellen erwähnt wurde, war im 13.Jahrhundert ein Sitz der Grafen von Brehna. Von der Burg gibt es zwar keine sichtbaren Reste mehr, aber die Kirche aus der Mitte des 13.Jahrhunderts ist erhalten. Das als dreischiffige Pfeilerbasilika errichtete Gotteshaus wurde durch Abriß der Seitenschiffe um 1500 in seiner Ausdehnung reduziert. Der längsoblonge Chor und die Apsis wurden mit Raseneisenstein erbaut, während das nur unwesentlich jüngere Langhaus in Backstein errichtet wurde. Die ursprüngliche Bauform dieser Pfarrkirche ist als ungewöhnlich zu bezeichnen, da ansonsten nur noch die Stadtkirchen in Zahna und Prettin einen basilikalen bzw. pseudobasilikalen Querschnitt aufweisen. Als eine Ausnahmedisposition ist auch das – heute durch den Turm verdeckte – Westportal der Löbener Kirche zu bezeichnen, das durch sein dreistufiges Gewände eindeutig repräsentativer gestaltet wurde als die ansonsten bei den Kirchen im Landkreis Wittenberg zu findenden Nord- und Südportale der Gemeinderäume. Offensichtlich waren die Brehnaer Fürsten bestrebt, ihren Sitz durch ein repräsentatives Sakralgebäude zu schmücken oder aufzuwerten, welches die umliegenden Kirchen durch Bauformen übertraf, die denen der Stadtkirchen nahestanden. Ein ähnlicher Fall zeigt sich bei der Kirche zu Trebitz. Auch hier entstand ein Sakralbau neben einer älteren Burg, der Ort selber wurde um 1004 als Burgward genannt. Der 1779 nach Osten hin erweiterte romanische Kernbau der Kirche besitzt einen dreiseitig geschlossenen Chor, einen schmalen Westturm sowie einen polygonalen Treppenturm an der Südseite. Die ursprünglichen Portal- und Fensteröffnungen wurden im Bereich der Segmentbögen mit einer Lage von Ziegeln geschmückt. Eine solche Zier fand sich in lokalem Rahmen nur noch an der Kropstädter Pfarrkirche, einem im Ursprung romanischen Feldsteinbau mit eingezogenem Chor und Halbrundapsis aus Granitquadern. Üblich war im Umkreis von Trebitz die Verwendung von Natursteinen für diese Art von Bauzier, wie beispielsweise an den Pfarrkirchen in Apollensdorf und Weddin. Aus diesem Grund muß von einer bewussten Wahl der backsteinernden Zierform ausgegangen werden, die offensichtlich in einem repräsentativen Schmuckbedürfnis zu suchen ist.

Quelle: auszugsweise nach Dr.Christine Kratzke (GEISTESWISSENSCHAFTLICHES ZENTRUM GESCHICHTE UND KULTUR OSTMITTELEUROPA e.V. Leipzig), Kap. LANDPFARRKIRCHEN IN DER NÖRDLICHEN UND SÜDLICHEN “GERMANIA SLAVICA”. FALLBEISPIELE AUS VERGLEICHSREGIONEN IN SACHSEN, SACHSEN-ANHALT UND MECKLENBURG-VORPOMMERN in Heft 3, Halle 2001 unter dem Titel: Die mittelalterliche Dorfkirche in den Neuen Bundesländern des Institut für Kunstgeschichte der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

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