Historie & Kultur
Ein zeitgeschichtlicher Exkurs im historischer Rahmen
Mit dem 8.Jh. begann die christliche Missionierung des Gebietes, auf dem heute die “Mitteldeutsche Kirchenstrasse” liegt.
741 gründete Bonifatius in Erfurt ein Bistum. Ihm war zwar nur eine kurze Zeit des Bestehens beschieden, der Platz des Bischofssitzes aber sollte seit dem 10.Jh. seine hervorragende Bedeutung behalten.
Die karolingischen Herscher trugen ihre Missionstätigkeit weit in das sächsische Gebiet hinein. Seligenstadt – das heutige kleine Städtchen Osterwieck nördlich des Harzes – bildete im ausgehenden 8.Jh. den eigentlichen Stützpunkt der Christianisierung, ehe am Beginn des 9.Jh. das Bistum Halberstadt gegründet wurde. Heinrich I. dehnte dann mit den dreißiger Jahren des 10.Jh. sein Macht- und Einflußgebiet weit nach Osten hin aus. Sein Missionsraum wurde das von den slawischen Stämmen besiedelte Gebiet östlich von Saale und Elbe. 936 wurde Heinrich I. in seiner Pfalz Quedlinburg beigesetzt. Die Reste jener frühen mittelalterlichen Bauten sind noch erhalten. Einer der mächtigsten Männer neben ihm war der Markgraf Gero. Er hatte 961 den für die Entwicklung der Feudalgesellschaft in dieser Region äußerst wichtigen Bau des Damenstifts Gernrode anlegen lassen. Reiche Schenkungen, darunter die Reliquie eines Armes des heiligen Cyriakus aus Rom, sollten die Bedeutung der fast burgenhaft erscheinenden Kirche noch unterstreichen. Unter Otto I. rückte das kaiserliche Machtzentrum an die Elbe vor. Magdeburg wurde Kaisersitz und Erzbistum. Wie schon in Quedlinburg bildeten auch hier Pfalz und Dom einen Zusammenhang. Der Kaiser war zugleich oberster Kirchenherr.
Wichtige Träger der Missions- und Kolonisationstätigkeit aber wurden die Mönchsorden, Zentren ihre Klöster. Christianisierung schloß kriegerische Mittel keinesfalls aus. Immer wieder bis weit in das 12.Jh. hinein kam es zu Aufständen der angestammten Bevölkerung gegen die neuen Herrn und ihre Vorhaben. So mußte das 968 gegründete Bistum Zeitz nach 60 Jahren wieder aufgegeben werden und an den sicheren Ort Naumburg zurückverlegt werden. Zu stark war gerade hier in dem slawischen Kernland der Widerstand der Stämme gegen die neuen religiösen und feudalen Lebensvorstellungen.
Dennoch setzten sich allmählich die vom entwickelteren gesellschaftlichen System getragenen neuen agrarischen Produktionsweisen und Machtverhältnisse durch und veränderten Lebens- und Glaubenshaltung der missionisierten Stämme. Die slawische bäuerliche Bevölkerung wurde in den deutschen Siedlerzentren integriert. Dörfer bildeten sich, die Erträge der Felder begannen mehr als nur die zu ernähren, die auf ihnen arbeiteten. Ein Beleg jener kolonisatorischen Umschichtung sind die noch in vielen Orten zwischen Harz und Elbe, in Thüringen und in der Altmark vorhandenen frühromanischen Dorfkirchen und wehrhaften Teile der Klosterbauten.
Östlich der Elbe entstanden in Leitzkau und Jerichow große Klöster. Von ihrer Anlage her trugen sie bereits einen mehr kultivatorischen als burgenhaften Charakter. So strahlte auch die künstlerische Gestaltung der Klosterkirche Jerichow weit in das Umland aus. Viele Stadt- und Dorfkirchen folgten den hier gefundenen Bau- und Kunstformen.
Mit Lehnin und Zinna bildeten sich im Märkischen weitere Missionszentren. Der Dombau des 12.Jh. in Havelberg glich jedoch noch immer einer Festung, wie man unschwer an dem von jenem Bau erhalten gebliebenen mächtigen Turmklotz erkennt. Auch der Bischofssitz in Brandenburg suchte die geschützte Lage auf einer Insel in der Havel.
Im Norden trugen seit dem 12./13.Jh. die Klöster Doberan, Dargun, Eldena und Chorin die kolonisatorisch-kultivatorische Entwicklung. Mit ihren Backsteinbauten wuchs zugleich eine neue künstlerische Formensprache, die sich schon im gleichfalls aus Backstein errichteten Jerichow andeutete. Bestimmend wurde das Baumaterial. Die dem Backstein innewohnenden physikalischen Eigenschaften und seine künstlerischen Kombinationsmöglichkeiten brachten nun den Kirchengebäuden an Stelle der schweren romanischen Feldsteinmauern eine fein strukturierte Gestalt. In der späteren Gotik entstanden schließlich jene vorhanghaft aufgelösten Giebelfassaden aus Backsteinen, die wir noch heute an den großen Kirchen in Prenzlau oder Neubrandenburg bewundern.
Die Domkirchen von Naumburg, Magdeburg, Halberstadt, Erfurt und Meißen vollzogen den Wandel vom mauerhaft Kubischen der Romanik zum gotisch gegliederten Bau, dessen Wand in ein Gerüst aus Stein- und großen Glasfensterflächen, Stütz- und Strebearchitekturen aufgelöst wurde. In ihnen gewann auch die Bildkunst der Gotik ihre Ausprägung, die mit den Plastiken des Naumburger Meisters eine frühe klassische Kunstleistung erlebte.
Seit der Romanik läßt sich ein steter Prozeß der Verlebendigung der Bildkunst verfolgen. Er beginnt mit großartigen Stuckreliefs aus dem späten 12.Jh. an den Chorschranken der Halberstädter Liebfrauenkirche und führt über die Plastiken des Freiberger Doms innerhalb eines halben Jahrhunderts zur Wirklichkeitsnähe der Naumburger Bildwerke.
Mit dem 12.Jh. bildeten sich in unserem Raum die Städte heraus. Mit den Kaufleuten entwickelte sich im Schoß der Feudalgesellschaft eine neue bürgerliche Kraft, die im Verlauf des 12. Und 13.Jh. nun immer mehr an merkantiler Macht und damit auch an juristischer Eigenständigkeit gewann.
Das Entstehen der sächsischen spätgotischen Hallenkirchen hängt mit dem Reichtum unmittelbar zusammen, den jene Städte wie Leipzig, Halle u.a. aus dem Handel, im Erzgebirge vor allem aber auch aus dem Bergbau gewannen. Die Städte konnten es sich leisten, neue große Kirchen zu bauen. Sie übertrafen an Weiträumigkeit und Eleganz der Bauformen, an Reichtum der Ausstattung alles bisherige. Das erwachende Selbstbewußtsein nun auch der Handwerks- und Baumeister ließ diese ihre Kunst- und Bauwerke zeichnen, sodaß uns gerade aus jener Zeit viele Meisternamen bekannt sind. Kirchliches Bauen und sakrale Kunstwerke spiegeln also das damalige weltliche Geschehen wider – denn beides ist für jene Zeit garnicht voneinander trennbar. Waren die Plastiken des 13.Jh., wie wir sie in Halberstadt, Magdeburg, Erfurt, Naumburg oder Meißen finden, auf dem Wege zu einer Wirklichkeitsnähe, so tragen sie doch ideale Züge. Sie sind Verkörperungen ganz bestimmter Charaktere und Wesenszüge der christlichen Religion. Sie stellen den Typ eines Herrschenden dar.
Im 15. / 16.Jh. wurden dann die Bildwerke realistischer, ja gerade naturalistisch. Figuren Konrad von Einbecks in Halle, Hans Wittens und Peter Breuers in sächsischen Kirchen belegen jenen Wandel in der Auffassung vom christlichen Menschenbild dieser Zeit. In thüringischen Altären fränkischer Prägung finden wir Bauerngestalten der Reformationszeit, die von Leid und Auflehnung gezeichnet sind – der Bauernkrieg spiegelt sich hier unmittelbar bildhaft wider.
Jene revolutionären Ereignisse scheinen die Bildwerke und Plastiken der ganzen Epoche zu bewegen, ihre Gesichter aufzuwühlen und ihre Gewänder zu zerknittern. Claus Bergs Güstrower Domapostel künden auf diese Weise, Lucas Cranachs Altarbilder mit wirklichkeitsbezogenen Bildinhalten und Portäts der Reformatoren in anderen Ausdrucksformen vom großen geistigen und gesellschaftlichen Umbruch des 15./16.Jh.
In den Städten wurden Kirchen wie Stadtbefestigungen gleichermaßen Zeichen wirtschaftlicher Kraft, Symbole des Gemeinsinns und der Eigenständigkeit. Noch heute setzen uns die damals geschaffenen großen Städtebilder in Erstaunen, auch da noch, wo vieles Neue neben den historischen Sakralbauten emporwächst. Bei allen Veränderungen, die spätere Jahrhunderte und vor allem die Industrialisierung brachten, haben Eisleben, Mühlhausen, Stendal, Schneeberg oder Wittenberg und Torgau und selbst Großstädte wie Erfurt, Halle und Leipzig ebenso jene Homogenität von Stadt und Kirche gewahrt.
Etwas anders zeigten sich die mittelalterlichen Bischofsstädte. Hier nahmen die Dombezirke fast immer eine Sonderstellung im Stadt- und darüber hinaus im Landschaftsbild ein. Auch hier blieben aber in jedem einzelnen Fall Rang und Anspruch der geistlichen Zentren in den architektonischen Gestalten der Städte deutlich. Ähnlich den Figurenbildern der Altäre entstand also in den Städten eine gebaute Darstellung der Gesellschaft, welche die Menschen damaliger Zeit begriffen, wie wir heute eine Bild-Beschreibung verstehen. Noch fehlte ja bis zur Reformation eine einheitliche Schriftsprache, noch lebten die Menschen vom gesprochenen Wort und in der Lehre vom Symbol. Das Lesen und Schreiben, aber auch das bildhafte Bauen und Gestalten, war Sache gelehrter Mönche und Priester und baukundiger Laien in den Klöstern.
Gerade die kultivatorische Arbeit der Orden und Klöster darf nicht unterschätzt werden. Sie waren im frühen Mittelalter die eigentlichen Träger der agrarischen und baulichen Kenntnisse. Die Ziesterzienser behielten diese Rolle bis zum 16.Jh. bei. Bei ihnen sammelten sich zuerst die künstlerischen Kräfte, wie zum Beispiel in dem für die Baukunst im Harz- und Thüringer Raum formprägenden Kloster Walkenried. Den Klöstern oblag auch die leibliche Sorge um die Menschen: Krankenpflege nahm von klösterlichen Einrichtungen her ihren Ausgang. Neben diesen frühsozialen Funktionen blieben die Klöster bis weit über das späte Mittelalter hinaus aber stets geistige, ideologische Zentren. Ihre Schulen waren zunächst die einzigen Bildungsstätten, an denen nicht nur christliche Lehre allein vermittelt wurde.
Von einem dieser geistigen Zentren der spätmittelalterlichen Kirche ging die Reformation aus.
Martin Luther war in Erfurt Augustinermönch und kam als Lehrer an die theologische Fakultät der Universität nach Wittenberg. Für ihn stand das Wort im Mittelpunkt der christlichen Lehre. Kanzel und Altar – um beide sollten sich die Gemeindemitglieder versammeln und den Gottesdienst vollziehen. Damit erwuchs seit der Reformation eine besondere eigene Kirchenform in den protestantischen Landen.
Kirchen des Wortes, Predigträume wurden geschaffen, in denen auf Emporen mit freiem Blick zu Kanzel und Altar alle Gemeindeangehörigen Platz fanden. Diese mehrgeschossigen Emporenräume entstanden zuerst in der Schlosskapelle von Torgau, auf Schloß Augustusburg und auf Schloß Wilhelmsburg in Schmalkalden.
Große Stadtkirchen des 17. / 18.Jh. übernahmen dann die Raumgestaltung jener ersten protestantischen Kirchen. Viele, auch ältere Stadt- und Dorfkirchen der protestantischen Lande glichen nun im 17. Und 18,Jh. ihre Ausstattung an: Der Kanzelaltar in ihnen ist eine protestantische Schöpfung.
Warum klingt der Kunststil der Renaissance aber nur in wenigen Bauwerken des 16./17.Jh. an, verlebendigt sich aber in einer großen Zahl kirchlicher Ausstattungen?
Das Mittelalter hatte den Baubedarf an Kirchen weitgehend gedeckt.
Der Epoche der Renaissance fielen also andere Bauaufgaben zu. Das Stadtbürgertum, aber auch die Höfe der Landes- und Stadtfürsten, strebten nach Verbesserung der Lebensformen. Neue prächtige Bürgerhäuser und Ratsbauten, ebenso Schlösser und Herrensitze entstanden vielerorts. Länder mit ausgeprägter Renaissancekultur wie Italien, vor allem die gesellschaftlich und wirtschaftlich führenden Niederlande übten einen besonderen Einfluß auf die deutsche Kultur aus. Das Handwerk übernahm nun an Stelle der klösterlich gebundenen Meister auch die Aufträge für Kirchenausstattungen. Und es schuf sie in riesiger Zahl nach Musterbüchern und gefaßt in lebenssprühender Farbigkeit.
Import ist so im protestantischen Land auch der Barockstil gewesen. Dresden erfuhr im 18.Jh. seinen großartigen Ausbau zur Residenz und damit zum ersten Zentrum barocken Bauens nördlich der Mittelgebirge. Der Italiener Gaetano Chiaveri wurde an den Hof des sächsischen Kurfürsten gerufen. Er sollte inmitten des protestantischen Landes eine prachtvolle katholische Hofkirche bauen. Aus machtpolitischen Gründen hatte August der Starke den katholischen Glauben wieder angenommen, um nun auch die polnische Königskrone tragen zu können. Diese “außenpolitische” Rolle sollte vor allem die Hofkirche veranschaulichen. Chiaveri plante und begann zu bauen. Den sächsischen Barock aber vollendeten dann Johann Christoph Knöffel mit der Fertigstellung von Chiaveris Werk, George Bähr mit seinem gewaltigen Kuppelbau der Dresdener Frauenkirche, Matthäus Daniel Pöppelmann mit dem Zwinger, Balthasar Permoser in seinen Bildwerken und Gottfried Silbermann in der Klangfülle seiner Orgel-Kunstwerke.
In den thüringischen Residenzen, vor allem aber in denen der Hohenzollern von Berlin und Potsdam, entstanden gleichfalls barocke Kirchenbauten. Jean Laurent Legeay und Johann Boumann bildeten mit der Berliner Hedwigskathedrale das römische Pantheon in barocken Bauformen nach. Andreas Schlüter schuf die großartigen barocken Ausstattungsteile der Marienkirche und Johann Friedrich Grael baute den schön gegliederten Turm der Berliner Sophienkirche. Am Ende der Barockzeit errichtete schließlich Carl von Gontard die Kuppeln der beiden Domkirchen auf dem Gendarmenmarkt.
Mit der Romantik hatte sich am Beginn des 19.Jahrhunderts eine Welle neu erwachter Religiösität ausgebreitet. Sie offenbart sich in ganz besonderer Weise in der Malerei und Bildkunst, tritt uns in den heute “frömmelnd” erscheinenden Altargemälden wie in zahlreichen, mittelalterliche Glasmalereien nachempfindenden Fensterverglasungen entgegen. Für die Kunst des 19.Jh. dürften Schinkel und seine Schülerschar zu den ersten aber auch zu den bedeutensten “Stilisten” zählen. Sie folgten der Vorstellung, daß sich besonders in der gotischen Kunst religiöses Bauen ideal versinnbildliche. So entwarf und malte der große klassizistische Baumeister phantastische gotische Domkirchen. Gebaut hat er sie nirgends. Sicher zwangen ihn die Verhältnisse seiner Epoche auch dazu, Ideales mit Möglichem zu verbinden. So blieben die auf ihn zurückgehenden zahlreichen märkischen Dorfkirchen bescheiden in Ausmaß und Gestaltung. Sein großer neogotischer Kirchenbau der Friedrich-Werderschen Kirche in Berlin ist eigentlich ein klassizistischer Baukörper im gotischen Gewand – in der Gestalt seiner klassizistischen Nicolaikirche in Magdeburg näherstehend als dem gotischen Dom.
Um die Mitte des 19.Jh. verstärkte sich die Nachahmung historischer Baustile. Man strebte eine Erneuerung der Kunst mit Hilfe des Rückgriffes auf Historisches an. Eben diese Besinnung auf die eigene Geschichte sollte bald aber die Begründung für nationalistische Vorstellungen, für imperiales Machtstreben und die künstlich-künstlerisch bewerkstelligte Reichstradition abgeben. Eine Fülle historisierender Bauten auch für Kirchen war die Folge. Besonders in den rasch wachsenden Großstädten erhielten die neu emporschießenden Stadtgebiete viele Kirchen als markante Blickpunkte. Gleichzeitig setzte die Erneuerungswelle an Stadt- wie Dorfkirchen ein – teils galt ihre historische Architektur und Einrichtung als dem Zeitgeschmack nicht mehr genügend, teils war sie wirklich erneuerungsbedürftig.
Renovation und Neubau von Kirchen sind so für das spätere 19.Jh. kaum trennbare Vorhaben gewesen. Ein sprechendes Beispiel bildet die in Schwerin von Krüger vorgenommene Erneuerung des Domesinneren. Zur gleichen Zeit baute der gleiche Architekt in der entstehenden Pauls-Vorstadt die neogotische Kirche. Sie entstand nach mittelalterlichen Rissen und Idealentwürfen – im Dom überzog der Meister die mittelalterliche, zugegeben unansehnlich gewordene Innenarchitektur mit einer ebenso frei erfundenen Gotik. Man baute Mittelalterliches nach eigenen Vorstellungen von Mittelalterlichem.
Mit dem Ausklang des 19.Jh. schwand die historienbezogene akademische und die mehr “malerische” Variante der Bau- und Kunstgestaltung. Mit Hilfe historischer aber auch neuer Einzelformen suchte nun eine ganze Baumeistergeneration eigene neue Kirchen zu schaffen.
Sie sollten einseits die traditionelle Gestalt mit Haupthaus, Chor und Turm wahren und doch baukünstlerisch Zeitbezogenes darbieten. Dieses wurde in bewußtem Gegensatz zu den als häßlich empfundenen Fabrikbauten denkmalartig und inmitten neu angelegter Plätze in Städten und auch Dörfern gestaltet. Für uns spiegeln Bauwerke, wie sie dabei in der Hallenser Pauluskirche, der Bitterfelder Stadtkirche oder der Michaeliskirche in Leipzig entstanden sind, Kunstauffassungen und Geistigkeit der Zeit der Jahrhundertwende zum 20.Jahrhundert wider. Wo sich diese mit imperialen Machtanspruch verbanden, bildete das Sakrale eigentlich nur mehr eine Hülle für ganz handfeste politische Interessen. Der wilhelminische Berliner Dom ist nicht das einziste Baudenkmal mit solchem Machtanspruch. Interessanterweise griff man hier auch auf die Baukunst der absolutistischen Epoche, auf den Barock zurück. Den kaiserlichen Bauauftrag hatte Julius Raschdorff in einer riesigen Kuppelarchitektur zu verwirklichen. Mit ihr stellte er einen Bezug zum Hauptbau der Christenheit, dem Petersdom in Rom, und zugleich zum größten Repräsentationsbau des damals bedeutensten Imperiums Großbritaniens her, der St.-Pauls-Kathedrale in London. Weniger ein Denkmal religiöser Haltung als vielmehr ein Zeugnis preußisch deutscher Reichspolitik ist also in diesem, heute allerdings seiner dafür entscheidenden Pracht entkleideten Monumentalbau zu sehen.
Die Rückbesinnung auf den Zweck eines Bauwerkes, auf die Inhaltlichkeit eines Kunstwerkes war eine logische ästhetische und auch weltanschauliche Reaktion auf solche Ansprüche und auf die zu ihrer Verwirklichung benutzten Neo-Kunststile. Eine erste Reform kündigt sich im Verwenden von naturhaften, pflanzlichen oder von geometrischen Dekorationsformen im Jugendstil der Jahrhundertwende zum 20.Jh. an. Mit der Ausstattung der Salvadorkirche in Gera wurde dafür ein schönes Beispiel dieser künstlerischen Erneuerungsversuche im Kirchenbau geschaffen. Die Christus-Kirche in Dresden-Strehlen stellt einen ersten Versuch des Umsetzens historischer Bauvorbilder in “Zweckformen” dar.
Konsequenter vollzog schließlich die Baukunst der zwanziger Jahre und frühen dreißiger Jahre des 20.Jh. eine Hinwendung zu sachlich Funktionellem. Im Bauhaus verwirklichten Architekten und Bildkünstler ihre Vorstellungen von Materialgerechtigkeit und funktionsbezogenem Gestalten. Die Versöhnungskirche in Leipzig-Gohlis wurde eines der wenigen Beispiele der damit entstehenden kubisch klaren und räumlich ausgewogenen Bau- und Raumformen für ein sakrales Gebäude. In eben dieser Zeit versachlicht sich auch das Verhältnis zum historischen Kunstwerk. Ernst Barlachs tief empfundene Bilder sind ohne das Erkennen und Durchdringen der Vergeistigung und doch großen Menschennähe mittelalterlicher Bildwerke kaum denkbar. Kirchliche Bauerneuerungen, Denkmalpflege, sucht seither den ursprünglichen Bestand historischer Bau- und Kunstwerke zu sichern und wo möglich wiederzuerlangen.
Einen schmerzvollen Einschnitt brachte auch hier der zweite Weltkrieg. In seinem Geschehen und in seiner Folge gingen viele Bauten von Kirchen und mit Ihnen viele Bildwerke zu Grunde.
Quellen
Einleitende Bemerkungen zum Bildband
Dome, Kirchen, Schlösser auf dem Gebiet der ehem.DDR
Ehem. VEB Tourist Verlag Berlin/Leipzig – 1984 -
Eigene Einfügungen
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