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Historischer Rahmen

Editorial —-> eine Einführung zu sakraler Historie & Kultur in Mitteldeutschland

Vor über 1000 Jahren – ab dem Jahre 961 – befand sich die älteste im Ostteil Deutschlands erhalten gebliebene Kirche im Bau – die Stiftskirche Gernrode.
Sicher gab es vorher schon Gebäude aus Holz oder auch aus Stein für die Ausübung christlicher gottesdienstlicher Handlungen.

Doch wir wissen kaum etwas über sie, denn noch war die Region zwischen Harz und Oder, Ostsee und den Mittelgebirgen ohne schriftlich bezeugte Geschichte. Erst mit den karolinischen Kundschaftertrupps kamen fränkischen und sächsische Christen in das von slawischen Stämmen dünn besiedelte Land. Noch einmal ein Jahrhundert vergingen, bis sich das Feudalsystem zu festigen begann und die ottonischen Kaiser und Kirchenherren an die Kolonisation, die Besiedlung und Christianisierung des Landes gingen.

Die sich nun anschließenden Etappen der Geschichte bis herauf an die Schwelle der Gegenwart überlagerte die christliche Weltanschauung als prägende kulturelle Kraft.

Die Kirchenbauten wurden zu ihren Symbolen. Immer wieder paßten sie sich in ihrem Aufbau und ihren Einzelformen dem Neuen an, das menschlicher Geist und menschliche Schöpferkraft hervorbrachten. So wuchsen im Mittelalter ihre Türme bis zu 100 Metern empor, brachte innen das Renaissance formenreiche und reiz- und vielgestaltige Ausstattungen, überspannten im 18.Jahrhundert gewaltige barocke Kuppeln und Hauben Räume und Türme.

Die kirchlichen Bildwerke zeigen vom frühen Mittelalter an immer wieder den Menschen in der von ihm selbst geschaffenen Gesellschaft. Renaissance und vor allem Barock brachten eine künstlerische Bereicherung und schließlich die grandiose Entfaltung auch kirchlichen Bauens und sakraler Bilder.

Erst als sich mit der industriellen Revolution des 19.Jh. die “Kathedralen der Technik”, die Fabriken und Schlote, die Bahnhofshallen und Verkehrskatakomben der Millionenstädte ausbreiteten, verloren die Kirchen das,was sie einst dem Menschen bedeutet hatten: Ihren Vorrang als gesellschaftliche Zentren, ihre siedlungs- und landschaftsprägende Stellung in Städten und Dörfern.

Über ein Jahrtausend Geschichte verlebendigt sich zu einem beachtlichen Teil in den Kirchenbauten.

In der großen Mehrzahl sind sie Kunstwerke, geschmückt mit den Bildzeugnissen fast aller Geschichtsepochen. Bauen und Schmücken waren im Mittelalter und auch danach gottesdienstliche Handlungen, und beide Tätigkeiten dienten zugleich der menschlichen Gesellschaft. Die großen Kirchenbauwerke stellen nicht selten auch technische Meisterleistungen dar; sie sind nicht nur Ergebnisse historischer bautechnischer Entwicklung, viel öfter haben sie diese vorangetrieben. Denken wir nur an die Erkenntnisse und Statik großer Gebäude, für welche die ungenannt gebliebenen mittelalterlichen Baumeister erste Erfahrungen sammelten.

Kirchen sind also auch in diesem Sinne Denkmale, lebendige Zeugen der Vergangenheit.
Kein Geringerer als der große Baumeister des 19.Jh. Karl Friedrich Schickel bezeichnete den Magdeburger Dom als “eines der ersten und schönsten Monumente”, als er dessen Bewahrung und Erneuerung empfahl.

Damit berühren wir ein wesentliches Moment kirchlichen Bauens und der Kirchenbauten:
Sie sind nie vollendet. Wir nannten sie lebendige Zeugen der Vergangenheit. Wie alles Lebendige unterliegen auch sie stetem Werden und Verfall, Erneuerung und Verschleiß. So lange ein Kirchenbau von seiner Gemeinde genutzt wird, erfährt er immer wieder Veränderungen, und sei es im Detail. Neue Ausstattungsteile werden gefertigt, neue Kunstwerke kommen zu den älteren. Alte Bauten werden erneuert oder auf ihre – besser zu sagen auf eine historische Zeitgestalt zurückgeführt. Die größere Zahl der Kirchen zeigt so Bau- und Gestaltungsformen aus unterschiedlichen Epochen. Wie oft sind romanische und gotische Kirchenräume im Barock völlig neu ausgestaltet worden. Wie viele gotische Türme tragen barocke Hauben. Manche der älteren Ausstattungen wurden im vorigen Jahrhundert und auch noch später entfernt und durch den neueren Zeitgeschmack entsprechende ersetzt. Unter gotischen Gewölben stehen nebeneinander Renaissancekanzeln, romanische Taufen, barocke Altäre, klassizistisches oder neogotisch geformtes Gestühl; und Orgeln mit modernem elektrisch oder edv- gesteuerten Werk bringen in historischen Kirchenräumen barocke und romanische Musik zu Gehör.

Wie jedes Land mit einer christlich geprägten Geschichte des “jüngsten” Jahrtausend zählt auch der Osten Deutschlands einige Tausend Kirchenbauten zu seinem kulturhistorischen Besitz. Der Frage, wieviele Kirchen es denn hier gibt, weichen wir bewußt aus. Denn um sie beantworten zu können, würde es einer “Zählaktion” bedürfen. Diese müßte zugleich statistisch erheben, welche der Bauten als christliche Andachtstätten, welche als soziale Einrichtungen, welche museal und welche für neue Zwecke genutzt werden. Viele Kirchen verloren mit dem zweiten Weltkrieg ihr gebautes Umfeld und damit ihre Gemeinden. Sind sie bau- und kunstgeschichtlich wertvoll, liegt eine neue Erschließung nahe. ..

Quellen
Einleitende Bemerkungen zum Bildband
Dome, Kirchen, Schlösser auf dem Gebiet der ehem.DDR
Ehem. VEB Tourist Verlag Berlin/Leipzig – 1984 -
Eigene Einfügungen

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